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Die Ulme im Lochbach

Erschienen im „ Schönen Allgäu“
Afa-Verlag Kempten. Nr. B6140E Nov.2002

ulme

Einmal, glaube ich, habe ich etwas Gutes getan.
Wir waren beim Schwenden im Lochbach.

Der „Lochba“ das ist die erste Alpe im Gutswiesertal, jenes Hochtal unter dem Besler, in dem noch viele schöne Alpen zu finden sind.

Am „Haideck“ hatten sich um die, von vielen Generationen von Bergbauern zusammengetragenen Steinhaufen, Erlenbestände angesiedelt.

Während des 2. Weltkrieges war man ja kaum zum Schwenden gekommen. Die Männer waren an der Front, einige schon gefallen, und die Frauen und Alten, hatten alle Hände voll zu tun, um nur die nötigsten Arbeiten fertig zu bringen.

Man muß immerhin überlegen, dass der erste Motormäher 1948 ins Dorf kam, das heißt während des Krieges wurde alles, mit der Hand gemäht, bis auf einige wenige ebene Flächen, die mit dem Roß und der Mähmaschine befahrbar waren.

Aber wer hatte damals schon ein Roß!

Auch die hatte man eingezogen. Auch zum Heinzen, zum Umkehren und zum Maden des Heus brauchte man viele Stunden, von Hand.

Schibbelars Hannes, bei dem ich als Heuber, Staller und Knecht mit 15 Jahren, 1950 anfing, kaufte sich erst damals einen Mäher. Sehr zum Unwillen seiner Mutter, die, allerdings schon 75 jährig, davon sprach, das neumodische Zeug wieder zu abzuschaffen.

So war halt während des Krieges schon Einiges liegen geblieben.

Die Erlen standen in großen ausgewachsenen Büschen und schätteten die Weideflächen.

Die Alpen wurden damals 1953 noch voll beschlagen. Im Lochbach gab es 63 Weiden, und das sind 63 Kühe einen ganzen Sommer lang, die brauchten schon einiges an Futter!

Um wieder mehr Weide zu gewinnen, hatte Jordans Hans, der Alpmeister im Lochbach, den Erlen, den Kampf angesagt.

Ich hatte im Winter vorher im Spitalhof Kempten die Melkergehilfenprüfung abgelegt, als Melker bei Memmingen auf Gut Westerhardt gearbeitet und mich für den Sommer in den Lochbach, als Hirt und Melker verdingt.
Der Hans fragte mich im Frühling, ob ich nicht mit zum Tagwerken kommen könne, das kam mir gerade recht.

Wir hatten Waldsäge, Äxte, Schwendscheren dabei und es ging den Erlen ordentlich zu Leibe.

Die Arbeiten zogen sich über den ganzen Mai hin, zwischendurch wurden die Zäune wieder in Ordnung gebracht, oft war ich allein mit einem Fuchsschwanz dabei die Erlenstämme auf Meter abzulängen, und als Brennholz aufzusetzen.

In der Mitte eines dichten Gebüsches entdeckte ich eines Tages einen schwarzgerindeten Stamm, ein Stämmlein, grad so dick wie mein Arm.

Ich folgte mit den Augen dem Stammverlauf, nach oben, zum Geäst und sah längliche Blätter, Ulmenblätter.

Es war eine Ulme, eine ganz junge Ulme.
Weit und breit wusste ich keine Ulme im ganzen Tal.

Wo kam die her?

Die Erlen mussen weg, das verstand ich, das war richtig, aber die Ulme?

Das ist doch ein seltener Baum, wertvolles Holz, Rüster nennt es der Schreiner, der Fachmann.
Ein schöner Baum. Ich habe die Ulme nicht abgesägt. Ich ließ sie stehen.

Wir räumten die Erlen auf, schafften sie den Hang hinunter an den Weg, verbrannten das Reisig auf den Steinhaufen, rauchten unsere Pfeifen. Bis mich der ordans Hans fragte:

Warum hast du den“ Pfotschen“ stehen lassen?

Weil´s eine Ulme ist, die gibt es selten, und wenn du erlaubst, lasse ich sie für immer stehen.

Der Jordan Hans lächelte, und wenn über dieses rauhe Gesicht ein Lächeln zog, war es wie wenn die Sonne aufgeht. Und wie es seine Art war, legte er irgendwo, wo ich es sehen konnte, eine Schachtel Salem-Zigaretten hin, für mich.

Das war meine gute Tat, die Ulme.
Die steht immer noch.
Sie ist jetzt, nach fast fünfzig Jahren ein großer, schöner Baum mit einer weit ausladenden Krone.
Erst am letzten Sonntag war ich wieder an der Halde zum Haidegg.
Ich glaub, ich bilde mir sogar etwas ein auf ihn, ich bin stolz auf ihn, meinen Baum, meine Ulme.