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Ein Winter im Lochbachtal

Es hatte die ganze Nacht gestürmt und geschneit, kurz kam die Sonne einmal durch und verklärte die Berge zu unwirklichen Himmelsformen, verwischte die Konturen zwischen Wolken, Felsen und Schnee. Wie lange Federn hingen weiße Fahnen am Entschenkopf und Nebelhorn und deuteten auf Föhn. Noch herrschten jedoch etwa 10° minus an der Iller, ein ideales Wetter für eine Tiefschneewanderung in ein stilles Tal, unser Tal, das Lochbachtal.

Meine Heimat, wo meine Bubenträume haften! Wo ich gelebt hab, wo ich geliebt hab, wo ich gerne einmal sterben würde !

Ich trug die neue Art von Schneereifen, Snow-Shoes, basierend auf alten Vorbildern, von Jägern, Wilderern und Schmugglern benutzt. Heute wesentlich verbessert mit dem „Know how“ unserer technischen Zeit, versehen, mit Zacken, Hebebindungen, klebten sie an meinen Füssen.

So begann ich am Hirschsprung, “ hinder em Lo“, wie es ganz früher hieß, nahm meine „Reinhold Messner Stöcke“ in die Hand, auch eine wesentliche Entwicklung zum früher üblichen Bergstock, und schritt, Schritt für Schritt, Tritt für Tritt, meine doch langsam knirschenden Knochen schonend, langsam bergauf. Trotz der Schneeschuhe sank ich tief. Schon kamen mir die ersten Zweifel ob ich die Strecke bis in Rohrmoos wohl schaffen würde. Aber man darf “ bloß it glei luck long“! Mit der Bewegung ölen sich die Gelenke, und die kleinen Schmerzen lassen nach.

Immer wieder ertappte ich mich dabei, den Schritt zu beschleunigen aber nein, du hast noch einen weitern Weg vor dir „ Maa, tüe langsam.“

Ich legte bewusst Pausen ein, denn die 14 km im Tiefschnee waren eine Herausforderung die man nicht unterschätzen darf!

Die Kehren dieser Strecke sind heute viel sanfter als früher, durch den harmonisch in die Landschaft gelegten Alpweg, in den 60 ger Jahren gebaut.

Klang früher oft den ganzen Winter das Geröll der Rössler mit den Baumschlitten, wird das Holz heute mit Lastwagen schon im Sommer „an s`Land“ gebracht, mir begegnete kein Mensch!

Der Wald schwieg.

Die Tannen trugen schwer an der weißen Last, manche Buche und „Elder“ hatte sich umgeneigt und würde im Frühling wohl der Säge, zum Opfer fallen.

So erreichte ich den Gätter, nachdem ich den Zwink und das „Hüttle“ durchquert hatte. Diese Fläche wurde in den 60ger Jahren angepflanzt, heute ist „das Hüttle“ ein schöner, gesunder, starker Wald!

Da kam wieder kurz die Sonne, gelbweiß durch die dichten Schneeschleier und erlaubte einen Rückblick! Schöne, traumhaft schöne, verzauberte Allgäuer Heimat!

Die Lochbach-Hütte grüßte mich aus uralten Balken!

Auf „Ofrars Höhe“ wäre ich fast umgekehrt.

Der Wind wurde zum Sturm! Immer schon war die Stelle wegen der Schneeverwehungen, der „Gähwinden“ berüchtigt. Dann beschloss ich einfach, nicht stehen zu bleiben….komme was da wolle.

Aber es bläst mir „herrgottig“ ins Gesicht.

Ich schließe den Reißverschluss und die Taschen am Anorak.
Der Atem wird noch kürzer, die Muskulatur wehrt sich gegen die Beanspruchung. Also Pausen, alle 200 Schritte, dann stehen bleiben, mit dem Rücken zum Wind, dann weitere 200 Schritte.

Unendliche Stille umgibt mich, hin und wieder höre ich einen Stieber, wenn die Tannen den Schnee fallen lassen.

Rings um scheint die heile, Gott sei dank recht „heile Welt“, noch zu bestehen, bis, auf, alle paar Minuten dröhnt ein Fremdkörper. Ein ferner, fremder Flieger, über das Tal.

Über mein stilles, unbeflecktes Lochbachtal!

Ich möchte am liebsten das Hindelanger Lied umdichten und summen „im Lochbachtal bin i dahuim..“ das Singen vergeht mir, als der nächste Airbus oder Boing über mich hinweg brummt, über mich und meine stillen Tannen und Betrachtungen hinweg. Ich sehe ihn nicht, ich kann ihn nicht ausmachen, wie einen Hasen oder einen Gems, aber ich höre ihn, aufdringlich irrsinnig, irgendwohin zielend, irgendwohin, wo viele eingebildete, wichtige Leute sind, ich höre ihn, ich kann mir nicht helfen, er stört mich.

Einmal erst richtig aufgefallen, „iert“ es mich immer mehr!!

Er dröhnt in die tiefsten Poren dieses Gottgesegneten Tales.

Er brummt und stört und stört und brummt.. ganz sicher denken meine Gemsen in Friburgers Berg, nicht darüber nach, wer da im Himmel oben herumkurvt, wahrscheinlich macht es ihnen gar nichts aus, aber mich macht es langsam massig!

Ruhe, Heimat, Stille ,Natur !?

nein! nein! nein !

Wir leben im Allgäu, in dem wunderschönen, grünen, von Bächen durchflossenen, von Schellenklang erfüllten Allgäu. Dieses Allgäu, das als Aushängeschild für eine ganze Region gilt.

Das schöne Allgäu, das noch seine Wurzeln findet im schlichten Sinn der Bergbauern, wo eine Buche nach Jahrhunderten noch die „Bildbuche“ heißt, weil einmal einer eine Madonna dort befestigt hat, wo man nach Jahren noch stehen bleibt und eines „Verländeten“ gedenkt, das Allgäu der Jäger, der Holzer, der „Gmuindar“ und kleinen Vermieter und ursprünglichen, bescheidenen Bevölkerung.

Durch meine Gedanken, Schritt für Schritt in den modernen Schneeschuhen, brummt schon der nächste Flieger, kaum dass ich den Ärger über den letzten weggeschoben habe habe. Ich stelle mir vor, wie Streifen über den azur- blauen, Winterhimmel ziehen, ihn in Teile schneiden, über die Mädelegabel, über den Allgäuer Hauptkamm hinweg.

Mir kommt eine dumme, ohnmächtige Wut!

Zum Glück sehe ich sie nicht, die Streifen, die Wolken und Schneeflocken, verdecken die Sicht.

Ich höre ihn, den Flieger, in meinem Tal, das von Bauern in Generationen in unsäglichen Mühen, von Hirten und Rechtlern erstritten, erobert, erkämpft wurde, mein Lochbachtal.

Die Freude, die ich über jede Wildspur, jede weiße Tanne empfand, zerstiebt im Gebraus der Motoren, es sind die Auswirkungen einer unerbittlichen Reise- Idiotie der Menschen, die irgendwo hin müssen, nur weil eine Fernseh Traumfabrik es ihnen vorbetet. !

Ich stecke meine Stecken in den tiefen Schnee der alle Haagpfähle zudeckt und lasse ruhigen, vernünftigen Gedanken, den Vortritt vor meinem Zorn. Ich will ja verstehen, will ja das Heute akzeptieren.

Aber “lose nu“, der kurzen Stille folgt neues brummendes, drohendes Geräusch, dem ich ausgeliefert bin.

Ich stehe still in meiner wunderschönen Ecke Allgäu mit den Alpen…Lochbach, Ofrar, Kelleralpe, Friburger, Dinijörgen, Kindsbangar, Hubers Berg. Umtönt von dumpfen, drohenden Geräuschen, und es sind ja nicht nur die Geräusche, sondern die Flieger versauen auch durch Ablassen von Treibstoff, unsere Wälder, braune Tannenspitzen sind nachweisbar auf Kerosin zurückzuführen!!

Meine 200 Schritte sind wieder gelaufen nach der „Schinde“ in Freiburgers Berg, bin ich ca. 4 Stunden schon durch das Tal gestapft. Aufatmend mache ich die notwendige Schnaufpause, aber es lässt mich nicht los, ich hab schon wieder Zweifel ob ich nicht mit meinem Brot die Kerosin verseuchte Luft mitesse. Und da gibt es angebliche „Allgäu Freunde, Allgäu Förderer, Verkehrs-Experten und andere, die sich für den Bau eines Flughafens im Allgäu, einsetzen !!

Für das Allgäu? Nein ! N i c h t für den Bauern der die Wälder gerodet, der die Natur gezähmt und gepflegt hat, nicht für den kleinen Arbeiter, er sich mit einer Ferienwohnung als Nebenverdienst, sein Häusle abzahlt, sich schlecht und recht durch die Zeiten schlägt, nicht für die Bäurinnen die mit sauberer weißer Schürze „Ferien auf dem Bauernhof“ praktizieren, denn wer auf bei einem Bauern Ferien macht, kommt ganz sicher nicht mit dem Flugzeug! Der kommt mit einem VW -Käfer oder einem alten Opel ! Wozu dann den Flughafen ?

Nein, für eine Lobby, die oberen, irgendwann eingereisten Hoteliers, die dann auch wieder nur die Promies einladen, zu Golfspiel und Viehscheid -Show im Allgäu.

Und diese Herren stellen sich als Freunde des Alpenraumes dar, als Helfer der Heimat, mit großtönenden Reden und sie verkaufen, vermarkten unsere Tradition unsere Substanz; Schellen, Viehscheid, Bauern, Holzer, Bergler….

Ich hab`s erlebt:

Der Abend gibt mir Recht:
Als ich nach 5 stündigem Marsch ins Rohrmoos gelangte, nahm ich still, nachdem ich meine „Schueh“ und Stümpfe säuberlich „abgschneabet“ hatte, am Stammtisch Platz.

Dort wo man vor 40, 50, 100 Jahren bei der Jakobe -Kirbe so manches mal mit Harmonie, Gitarre und Schafkopf, die Holzer die Bommar, die Jäger und Wanderer, erfreut hatte.

An dem selben Platz, wo noch um den urgemütlichen Ofen die Schellen und Glocken von Jahrzehnten hängen, immer noch!

Zur romantisch, kitschigen Vermarktung eingesetzte Schaustücke, einer alten, gewachsenen Kultur !

Ein Ober kam.

Man legte mir nahe, dass hier gedeckt würde, für den Abend, ob ich nicht wo anders Platz nehmen wollte, oder ein anderes Mal kommen könne…….

Ich nahm still meinen Hut, den alten verdetschten, sicher passte der nicht in eine feine Gesellschaft, vielleicht schmeckte er auch ein wenig nach Stall und Hütte.

Schlug meine Schneeschuhe über die Schulter und wanderte durch das lange Rohrmoostal, an den alten Hütten vorbei, mir schmeckte der Tag nicht mehr !

Die Zeiten bleiben nicht stehen! Das muss man akzeptieren! Ja, man hat es mir gesagt, ich weiß es!
Sind wir die Verlierer? nein Looser! sagt man heut, man ist ja „in“ Bergler, Bauern, Bettler? Leute am Rande?

Ich stapfte durch den Schnee.
Ein Brummen ließ mich nach oben schauen.

Über mich hinweg flog ein Jet, ein riesiger, böser Jet, sonnigen, fernen Ländern entgegen.

1945 und Trachten?

Rückblick Januar 2005

tracht1945

Bild: Düssars Fehla 1945

Susi Waldmann, von Obermaiselstein, geb. 1924, heute also 81 Jahre alt, erzählt:
Im Jahr 1945 wurde aus dem Tiefpunkt Deutschlands, aus den Engpässen der Bezugscheinwirtschaft, im Oberallgäu, eine neue, Obermaiselsteiner Tracht, geboren.

In Langenwang war in den Wirren des Umsturzes ein deutscher Güterzug stehen geblieben. Die Waggons waren gefüllt mit großen Ballen blauen Stoffes. Auch große Mengen von blaugrauem Faden auf Holzspulen, wurden ausgeladen. Im Nu sprach es sich herum, dass die Ware niemanden gehörte und alles was laufen oder tragen konnte, eilte nach Langenwang zu dem kleinen Bahnhof. Auch Reste von Militärstoffen für die Uniformen der Wehrmacht, wurden dort ergattert. Im ganzen oberen Illertal tauchten danach, Kleider, Röcke in dem blau-grauen, matt glänzenden Stoff auf. Alles was schneidern konnte, nähte sich etwas daraus zusammen. So auch neben anderen Maiselsteinerinnen, Hilde und Susi Dauser.

Weiße Blusen fand man noch in Omas Aussteuer Schränken, oder zu mindest das Leinen, oder gar Uromas` Nachthemden, wurden zu „Trachtenblusen“ um funktioniert. Dazu wurden schmucke blaue Röcke, manchmal sogar getupft, nach alten Mustern zurechtgeschnitten und genäht.
Die vom Hakenkreuz befreiten, roten Fahnen, lieferten den Stoff für die Schürzen und schmückten jetzt die Maiselstuinar Fehla , statt der Propaganda eines untergegangenen Reiches zu dienen.

Weisse Strümpfe strickte man aus aufgeribbelten Baumwolltüchern , oder aus selbst gesponnener Schafwolle.
Die Mieder wurden aus „langen schwarzen Röcken“ aus der Jahrhundertwendezeit genäht.
So entstand aus der Not der Zeit geboren, eine adrette, wirklich im Oberallgäu „gewachsene Tracht“, die aber ,(eigentlich schad drum,) als die Zeiten wieder besser wurden, aufgetragen, abgelegt und nicht mehr weiter gefertigt wurde. Schließlich gingen auch, parallel mit der zunehmenden Demokratisierung in den deutschen Köpfen, die Bestände der roten Diktatorfahnen zu Ende.

Der frühere Bürgermeister und Schneider Josef Kling aus Obermaiselstein , baute auch dem Autor, mir aus „Langenwanger“ Wehrmachtstoffresten einen schönen Trachtenkittel und Knickebocker Hosen, die er aus einer bereits getragenen Gebirgsjäger -Keilhose zusammentüftelte , indem er die gute, noch nicht so abgewetzte Innenseite, nach außen kehrte.

theo-bubFür den grünen Stehkragen und die Absetzungen an den Taschen, opferte eine Nachbarin, eine grüne Tischdecke.
Ich habe den Kittel heute noch.
Voll Stolz ging ich in meinem neuen Häs zum Friseur und, zum Fotografen für mein erstes Passbild.